Frauen als Täterinnen 1- Täterinnen häuslicher Gewalt lassen sich nicht in das allgemeingültige Rollenkonzept der Frau integrieren.

Universität Bielefeld / Fakultät für Pädagogik / Diplomarbeit  

 

 

Erstgutachter und Betreuer: Prof. Dr. Andreas Zick / Zweitgutachter: Sandra Legge  
 
 
 

 

vorgelegt von: Dorothea Söllner / Matrikel-Nr. 1581492

Bielefeld, 29. September 2008

 

 

 

mit freundlicher Genehmigung der Autorin

http://häusliche-gewalt-durch-frauen.de/

 

Frauen als Täterinnen: Häusliche Gewalt – Misshandlungen und Missbrauch von Partner und Kind

1. Hinführung zum Thema

Bringt man die Begriffe Gewalt, Aggression und Frauen auf einen Nenner, so assoziieren die meisten Menschen, dass es sich hier um Frauen in der Opferrolle handeln muss. Die Frau als Täterin findet man in den Medien und der Meinung der Öffentlichkeit meist nur im Zusammenhang mit Tötungsdelikten, die aber auch nur als außerordentliche Ausnahmeerscheinungen dargestellt werden. Dann handelte die

Frau in Notwehr oder war in einer anderen scheinbar ausweglosen Situation.

Das Bild der Frau ist selbst im 21. Jahrhundert noch das des „schwachen Geschlechts“, der fürsorglichen Frau und Mutter in jedem Fall, Gewalt und Aggression von Frauen ist immer noch ein gesellschaftliches Tabu-Thema.

Gewalt wird überwiegend vom männlichen Aspekt her betrachtet, da ja auch viel mehr Männer gewalttätig sind. Die Begründungen gehen soweit, dass Männer durch ihren hohen Status in der Gesellschaft auch höhere Machtpositionen einnehmen und durch dieses Zusammenwirken von Status und Macht einen höheren Bedrohungsaspekt erfüllen als Frauen. Der Prozentsatz der gewalttätigen Frauen sei so gering, dass es mit der männlichen Kriminalität nicht vergleichbar sei und somit wird weibliche Kriminalität gar nicht betrachtet und total unterbewertet.

Ganz extrem ist dies in den Publikationen über häusliche Gewalt und sexuellen Missbrauch zu beobachten. Hier wird immer von männlichen Tätern ausgegangen und nur in den seltensten Fällen am

Rande erwähnt, dass es in diesem Bereich von Gewalt auch Täterinnen gibt.

Beschäftigt man sich jedoch mit dem Thema der weiblichen Gewalt und Aggression, vor allem im häuslichen Bereich, so stellt man fest, dass es zwar tatsächlich so ist, dass Männer den wesentlich größeren Anteil besetzen, der Prozentsatz der kriminellen und auch inhaftierten Frauen jedoch nicht so gering ist, dass man es aus dem gesellschaftlichen und institutionellen Blickwinkel verlieren sollte.

Allerdings ist wohl auch hier, genau wie bei männlichen Tätern, die Dunkelziffer sehr hoch. Frauen werden vor allem als sexuelle Missbraucherinnen wesentlich seltener öffentlich an den Pranger gestellt als männliche Täter.

Eine Ursache hierfür ist höchstwahrscheinlich nicht nur das noch in der Erinnerung und in den Köpfen der Menschen verbreitete Bild der Frau als das Reine, als die liebende Ehefrau und Mutter, sondern auch ein Stück weit die doch immer noch verbreitete Männerfeindlichkeit von Frauen, die in der Forschung oder Berichterstattung tätig sind oder in Hilfsorganisationen arbeiten.

Frauen als Täterinnen werden heruntergespielt oder gar nicht wahrgenommen.

Dass Täter männlich sind und Opfer weiblich entspricht immer noch den gesellschaftlich akzeptierten Vorstellungen.

Will man weibliche Aggression verstehen, muss man sich mit dem weiblichen Umgang mit Gewalt und Aggression auseinandersetzen. Die Gewalt- und Aggressionsforschung war in der Vergangenheit auf den Mann ausgerichtet, Gewalt und Aggression durch Frauen blieb unberücksichtigt. Dies trug zur Tabuisierung des Themas und zum Mythos der immer friedfertigen Frau bei.

Diese Arbeit untersucht zuerst die allgemeinen Begriffe von Gewalt und Aggression unter dem Augenmerk weiblicher Kriminalität. Anhand von verschiedenen Ansätzen und Theorien beschäftigt sich die Arbeit mit den Ursachen von Gewalt und Aggression, immer im Hinblick auf die häusliche Gewalt.

Nach einem Zwischenfazit geht die Arbeit dann genauer und ausführlich auf Frauen als Täterinnen im häuslichen Bereich ein, zuerst auf physische, psychische und sexuelle Gewalt am Partner und dann auf Misshandlung und sexuellen Missbrauch von Kindern.

Da die physischen und psychischen Schäden der Opfer häuslicher Gewalt gerade durch Frauen extrem hoch sind, wird hierauf ein weiteres besonderes Augenmerk gelegt.

Letztendlich wird die Frage aufgeworfen, welche Hilfen die Sozialarbeit und andere Institutionen in Fällen häuslicher Gewalt durch Frauen anbieten kann.

2. Definitionen Gewalt und Aggression mit Augenmerk auf weibliche Täterschaft im häuslichen Bereich
 
2.1 Allgemeine Definitionen von Gewalt und Aggression
2.1.1 Definitionen Gewalt  Der Begriff Gewalt kann sehr unterschiedlich definiert werden. So findet man in den institutionellen Begriffen Staatsgewalt oder Verwaltung das Wort Gewalt wieder, jedoch bedeutet es hier eher das Ausführende. Der Begriff ist hier positiv gewertet, so auch in den Begriffen in Verbindung mit „gewaltig“ zum Beispiel gewaltige Leistung. Hier soll eine besondere Handlung mit dem positiv behafteten Begriff „gewaltig“ unterlegt werden.

Jedoch ist der Begriff „Gewalt“ meist negativ gelastet. Von Gewalt spricht man im Allgemeinen, wenn Aggressivität vorherrscht und sich mindestens zwei Menschen gegenüberstehen, von dem mindestens einer den anderen physisch oder psychisch angreift. Der Aggressive übt gegenüber dem anderen Macht aus. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird das Wort Gewalt in negativ belegten Begriffen wie Gewaltverbrechen, Gewalttat oder Vergewaltigung verwendet. Gewalt im negativen Sinne tritt in verschiedenen Formen und Bereichen auf. So die bereits erwähnte Unterscheidung von physischer und psychischer Gewalt.

Physische Gewalt umfasst alle körperlichen Angriffe vom z.B. Schlagen, Kratzen oder Schütteln eines anderen bis hin zur schweren Körperverletzung, Vergewaltigung oder Tötungsdelikten.

Psychische Gewalt erlebt man bei Mobbing, Beschimpfungen, Drohungen oder Ignoranz bis hin zu Stalking, Nötigung oder Freiheitsberaubung.

Man unterscheidet noch unter häuslicher, sexueller oder ökonomischer Gewalt.

Häusliche Gewalt findet man bei Gewalt in der Familie, also unter im Haushalt lebenden Personen. Dies bezieht Gewalt in der Ehe oder Partnerschaft und vor allem auch Gewalt gegenüber Kindern ein. Unter dem Deckmantel der Familie finden sich psychische, physische oder ökonomische Formen von Gewalt, nicht zu vergessen die schlimmste Form von Gewalt in der Familie: die sexuelle Gewalt, also

Vergewaltigung in der Partnerschaft oder Missbrauch Schutzbefohlener.

Von ökonomischer Gewalt spricht man, wenn ein Partner entweder zum Arbeiten gezwungen wird, ihm der Lohn abgenommen und er finanziell unterdrückt wird oder auch ihm das Arbeiten verboten wird.

Eine Definition des Begriffes Gewalt, welche allgemein akzeptiert wird, gibt es nicht, da er in so verschiedenen Formen verwendet werden kann, welche sehr unterschiedlich ausgelegt werden können. Durch das Fehlen einer einheitlichen Definition wird die statistische Erfassung von Straftaten erschwert und die Dunkelziffer steigt, vor allem im psychischen Gewaltbereich. Die Psychologie befasst sich mit Gewalt im Sinne von menschlichem Verhalten, speziell mit individuellem oder gemeinschaftlichem Angriffsverhalten unter dem Begriff Aggression.

2.1.2 Definitionen Aggression
 Der Begriff Aggression wird von dem lateinischen Verb „aggredior“ abgeleitet und bezeichnet ursprünglich „herangehen“ oder „zuwenden“, also keine negative Verhaltensweisen.

In der heutigen Zeit nimmt der Begriff jedoch eine negative Bedeutung ein. Heute bezeichnet er Verhaltensweisen, mit denen ein Lebewesen ein anderes angreift oder bedroht. Dies geschieht in der Absicht, einem anderen zu schaden.

In der Psychologie wird die Aggression mit der Verhaltensforschung untersucht und analysiert. Es werden die Ursachen erforscht und Präventivmaßnahmen herausgearbeitet. Jedoch gibt es auch hier keine einheitliche Definition des Begriffes Aggression. Allgemein kann man unter Aggression ein Angriffsverhalten (körperlich oder verbal) gegenüber Sachen oder Lebewesen verstehen, psychologisch gesehen bedeutet Aggression ein affektbedingtes Angriffsverhalten, zum Teil auf einen angeborenen Aggressionstrieb, zum Teil auf Versagen (Frustration) oder auch auf milieubedingte Verhaltensausprägungen zurückzuführen.

Völkerrechtlich bedeutet Aggression ein manifestes Verhalten, dessen Ziel zwar auch die körperliche, aber auch die symbolische Schädigung oder Verletzung einer anderen Person oder einer Sache ist. vgl. http://www.gewalt-online.de/aggression.php Schädigung oder Verletzung definiert man mit psychischen und körperliche Wunden zufügen, zerstören und vernichten, ärgern oder beleidigen. Aggressionen können sich offen, also körperlich, verbal oder verdeckt, also in der Phantasie des Aggressiven zeigen.

2.2 Das Tabu „Gewalttätige, aggressive Frau“ und „Der Mann – das Opfer“
Frauen stehen in der allgemeinen Öffentlichkeit als weniger kriminell und straffällig da als Männer. Dies hat sich jedoch in den letzten Jahren verändert. Die Zahl der weiblichen Verdächtigen und Verurteilten ist deutlich angestiegen. Nun stellt sich die Frage, ob es Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, wenn man Gewalt und Aggression untersucht.

Eine zufrieden stellende Antwort kann jedoch nicht gegeben werden, da dies bisher nicht ausreichend erforscht wurde. Frauen sind also in allen kriminellen Bereichen zu finden: Frauen betrügen und stehlen, beschädigen das Eigentum fremder Menschen, sie verletzen, misshandeln, missbrauchen und töten. Besonders schlimm ist es, wenn im häuslichen Bereich diese Misshandlung und dieser Missbrauch geschehen.

2.2.1 Männliche Opfer – ein Widerspruch in sich?
Eine Ursache, wie in einer Gesellschaft Opferschaft erzeugt wird, erklärt sich aus der vorherrschend für und mit Männern strukturierten Gesellschaft von selbst. Die „Männergesellschaft“ ist hierarchisch strukturiert und beruht auf Macht. Durchsetzung und Unterwerfung sind verschiedene und gegensätzliche, aber hervorstechend ausgeprägte Eigenschaften. Es herrscht das Recht des Stärkeren mit hegemonialer Männlichkeit an der Spitze.vgl. Lenz 2000, 55

Jungs und junge Männer erlernen während ihrer Sozialisation bereits, sich an diese erstrebenswerte, großartige Männlichkeit anzupassen, man fängt ganz unten an und kämpft sich dann nach oben durch. Beispielsweise erkämpfen sich Jungen bereits in der Schule die Position und den Stellenwert auf dem Schulhof. Bestimmte Rollenbilder und Rollenzuschreibungen sind bekannt und den Kindern bereits bewusst. So muss ein Mann aktiv und überlegen sein, mit seinen Problemen alleine klar kommen und sich jederzeit alleine wehren können. Ängstliches und ruhiges Verhalten eines Jungen wird oftmals abgewertet und von den Mitschülern sanktioniert. Männer dürfen nicht zeigen, dass sie leiden, das wird so erwartet. Falls sie es doch tun, werden sie als unmännlich betitelt.

„Weibliche“ Eigenschaften wie beispielsweise Traurigkeit, Ängstlichkeit oder Verletzbarkeit müssen unterdrückt und versteckt werden. Männer dürfen nicht schwach sein, das passt nicht in die Rollenerwartung des „starken Mannes“ und dies wird den Jungen auch so vermittelt durch die Sozialisation.

In solch ein Bild passt ganz sicher keine männliche Opferrolle.vgl. Lenz 2000, 57 „Jungen sind keine Opfer! Opfer sind weiblich! In dieser Logik stellt der Begriff des männlichen Opfers ein Paradoxon dar.“Zitat Lenz 2000, 57

Die beschriebene Sozialisation und Erwartungen an die Kinder und Jugendlichen bezüglich ihrer Männlichkeit werden als sehr problematisch angesehen.

Seit der Frauenbewegung haben sich sowohl die Frauen- als auch die Männerbilderwas zur Folge hat, dass sich die männliche Sozialisation erschwert. Einerseits sollen sie ihren Mann stehen, andererseits werden die neuen weiblichen Eigenschaften von ihnen erwartet.

An dieser Stelle wird die Frauenbewegung kritisiert und ihr vorgeworfen, dass sie keine entsprechende Gegenleistung erbringt. Der Geschlechtervertrag, welcher die Rollenerwartungen für Männer und Frauen festschreibt, wurde nur einseitig verändert. Frauen wollen zwar aktiver und selbständiger werden, aber die Beschützerfunktion und Ritterlichkeit der Männer nicht übernehmen.

Schlimmer noch, vom Aggressionspotenzial, was nur den Männern zugeschrieben wird, wollen sie nichts wissen. Frauen haben jederzeit die Möglichkeit, sich in traditionelle Rollenzuschreibungen zum Beispiel bezüglich der Gewalt zurück zu ziehen.

Wenn eine Frau von häuslicher Gewalt betroffen ist, wird von ihr nicht erwartet, ihr Leid zu verstecken und sich alleine mit ihren Erfahrungen auseinander zu setzen. Männern wird dies nicht zugestanden. Männer gehen seltener mit ihrem Problem zu Beratungsstellen oder gar an die Öffentlichkeit.vgl. Ottermann in Lamnek/Boatcá 2003, 163-178

Nicht nur bei den Rollenerwartungen von Männern und Frauen unterscheidet sich die Sozialisation der beiden Geschlechter. Frauen sollen wohl gemäß Sozialisationsforschung dazu neigen, Gewalt eher gegen sich selbst zu richten. Jedoch scheint dies nicht auf den häuslichen Nahraum zuzutreffen, sondern nur auf öffentliche Bereiche. Es gibt bei Studien im Dunkelfeld wenige Unterschiede bezüglich häuslicher Gewalt zwischen Männern und Frauen. Die Unterschiede bestehen nur in der Reaktion der Gesellschaft auf misshandelnde und missbrauchende Frauen oder Männer. Gewalttätige Frauen werden eher als Patientinnen an Psychiater oder Beratungsstellen/Hilfseinrichtungen verwiesen, Männer als Täter in Haftanstalten.vgl. ebenda, 107/171 verändert.

Das weibliche Geschlecht wurde moderner, emanzipierter und feministischer und so auch die weiblichen Geschlechterrollenerwartungen. Diesen Erwartungen zu entsprechen ist für viele Mädchen und Frauen einfacher als für ihre männlichen Mitmenschen. Die alten, traditionellen Rollenerwartungen der Männer scheinen nur langsam oder gar nicht einem neuen, moderneren Männerbild zu weichen. Bis zum heutigen Tage lässt sich nur schwer ausmachen, dass sich die Rollenerwartung des Mannes als Beschützer und Ernährer verändert hat. Beide Geschlechter bestehen immer noch überwiegend auf der Ritterlichkeit und Schmerzarmut im Rollenbild des Mannes. Was sich jedoch in neuerer Zeit immer mehr durchsetzt, ist die Übernahme einiger „weiblicher“ Eigenschaften wie Mitgefühl und Fürsorge durch die Männerwelt. Diese Eigenschaften beginnen sich zu etablieren und Frauen gewöhnen sich daran,

2.2.2 Die Tabuisierung und die Ignoranz von weiblicher Täterschaft
In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kriminalität und Aggression werden Frauen weitgehend ausgeklammert oder ignoriert. Viele Studien und Hellfeldstatistiken zeigen, dass Männer die Gewalttäter sind. Dies wird durch die Verbreitung durch die Medien noch bestärkt. Wie bereits festgestellt, kann die Begründung dafür zum großen Teil mit den Rollenzuschreibungen von Mann und

Frau zu tun haben.

Hier nochmals die männlichen und weiblichen Geschlechtsstereotypen in Kurzform:

Männliche StereotypenPhysische Kraft,

 

 

Durchsetzungsfähigkeit 

Kompetenz

Sachlichkeit

Unabhängigkeit

Weibliche StereotypenGrößerePassivität

 

 

Ängstlichkeit

Abhängigkeitanpassungsfähiger

verantwortungsvoller

Opfer männlicher Gewaltausübung

weniger aggressiv

Die genannten Stereotypen sind gegensätzlich ausgerichtet. Die Bildung der Identität von Kindern beiden Geschlechts wird beeinflusst. So folgt im Laufe der Kindheit und Jugend eine Selbstsozialisation und eine Selbstkategorisierung, bei denen Rollenerwartungen Einfluss nehmen können. Auf jeden Fall nehmen sie Einfluss auf die Erziehung der Kinder, indem es für normal gehalten wird, dass sich Jungen mit körperlicher Gewalt auseinander setzen, wird dies hingegen bei Mädchen nicht geduldet.

Kennt man die Stereotypen der beiden Geschlechter und ihren Einfluss auf die Sozialisation der Kinder, so ist man nicht verwundert darüber, dass das Gewalt fast ausschließlich mit dem männliche Geschlecht in Verbindung bringt.vgl. Ottermann in Lamnek/Boatcá 2003, 198

2.3 Definitionen Häusliche Gewalt
Ähnlich wie bei der Definition des Gewaltbegriffes stellt sich auch beim häuslichen Bereich die Frage der Spannweite. Unbestritten ist, dass die „Häusliche Gewalt“ einen möglichen Kontext beschreibt, in dem Gewalt stattfindet. Dieser Kontext wird jedoch verschieden ausgelegt.

Noch bis vor einigen Jahren gab es den Begriff „Häusliche Gewalt“ nicht. Kam es zu Gewalt in privaten Räumen, so bezeichnete man dieses als „Familienstreitigkeit“, welche von Staat und Gesellschaft stark tabuisiert wurden. Durch diesen Begriff wurde die gesamte Thematik völlig verharmlost. Man sah eher weg, wenn innerhalb von Familien geprügelt, misshandelt und missbraucht wurde, vor allem, wenn diese psychische, physische oder sexuelle Gewalt von Frauen oder ganz und gar Müttern ausging.

Rein vom Wortschatz her ist häusliche Gewalt eine Übersetzung des aus dem angloamerikanischen stammenden Begriffes „domestic violence“. Im Allgemeinen umfasst der Begriff Gewaltformen, die im familiären Bereich dem Opfer, in diesem Fall einem Familienangehörigen, schaden.

Es gibt enger und weiter gefasste Definitionen. Die weiter gefassten enthalten jegliche Gewaltformen, die enger gefassten nur sichtbare körperliche Gewalt am Familienmitglied. Mittlerweile ist häusliche Gewalt als soziales Problem anerkannt und unterliegt der sozialen Kontrolle Lamnek/Ottermann 2006, 8 und wird auch strafrechtlich verfolgt.

Der Begriff und die Definitionen legen nicht fest, ob es sich um männliche oder weibliche Täter handelt.

2.4 Täterinnen im häuslichen Bereich
In der neueren Zeit ist allgemein gültig, dass sich Frauen nicht nur biologisch von ihren männlichen Artgenossen unterscheiden. Frauen sind grundsätzlich anders, vor allem bezüglich moralischer Werte.

Hervorgehoben wird in der westlichen Kultur immer die geringere Gewaltbereitschaft von Frauen. Jedoch ist erwiesen, dass Aggressivität und Gewalt den Männern nicht biologisch mitgegeben wurde, sondern dass sich die höhere Gewaltbereitschaft von Männern durch die Sozialisation herausbildet.

Man liest immer wieder, dass es der Mühe nicht wert ist, sich mit gewalttätigen Frauen zu beschäftigen, da der Prozentsatz verschwindend gering ist gegenüber gewalttätigen Männern und Täterinnen als Verrückte angesehen werden. vgl. Gemünden 1996, 16 Aus diesem Grunde gibt es nur wenige Studien zu dieser Thematik.

Täterinnen häuslicher Gewalt lassen sich nicht in das allgemeingültige Rollenkonzept der Frau integrieren. Sie werden immer noch, wenn überhaupt als Einzelfälle behandelt. Gewalttätiges Verhalten von Frauen verletzt die gesellschaftlichen Normen, wird nicht geduldet und deshalb tabuisiert. Die weibliche Sozialisation scheint darauf auch keinen Einfluss zu haben, sonst würde es in Wirklichkeit keine gewalttätigen Frauen im häuslichen Bereich geben.

Es kann davon ausgegangen werden, dass das biologische und das sozialisierte Geschlecht einer Person einen vernachlässigenden Einfluss auf Gewalt hat. Gerade im häuslichen Bereich sind Misshandlung und Missbrauch durch Frauen häufiger anzutreffen als im öffentlichen Raum. Hier können Frauen Macht über andere Menschen, vor allem über Kinder, ausüben. Mütter und Kinder stehen in einem großen Abhängigkeitsverhältnis zueinander, die Kinder sind auf ihre Mütter angewiesen. Das Leben der Frauen wird oftmals von Erfahrungen der Benachteiligung durchzogen und so kann es zu Überforderung, Wut und Gewalt kommen. vgl. Heyne 1993, 246/247

Vor noch nicht allzu langer Zeit konnten Frauen nicht einmal darüber bestimmen, ob sie ein Kind auf die Welt bringen wollen oder nicht. Mutterschaft bringt immer mit sich, dass die Frau große Einschränkungen gegenüber ihrem alten Leben hinnehmen muss, ob nun gewollt oder nicht. Eigene Bedürfnisse und Interessen bleiben oft auf der Strecke und eine Vereinbarung von Mutterschaft und Berufstätigkeit oder gar Karriere ist fast nicht zu bewältigen. Die Frauen fühlen sich schnell überfordert und unverstanden. Vor allem allein erziehende Mütter stehen unter sehr hohen Belastungen. Vor allem die Versorgung der Kinder stellt eine Hürde dar, da viele Alleinerziehende nicht genug Einkommen zur Verfügung haben und an der Armutsgrenze leben. Eine qualifizierte Berufstätigkeit lässt sich wegen der Betreuung der Kinder meist nicht realisieren und so gehen sie oft schlecht bezahlte Aushilfsjobs ein. Sie haben kein Geld, keine vernünftige Arbeit, wenig oder keine Zeit für sich und so steigen Frustration und Aggression, welche sie dann gegen die Kinder richten. vgl. Heyne 1993, 248 Es könnte bei Alleinerziehenden auch eine Rolle spielen, dass sie mit kleineren Kindern so schnell keinen neuen Partner finden. Obwohl die Kinder daran keine Schuld haben, könnte dieser Aspekt Nährboden für Aggressionen bieten. vgl. ebenda, 249

Aber auch in Familien mit Vater werden Frauen mit der Erziehung und Versorgung der Kinder oft allein gelassen. Die Männer haben oft die besser bezahlten Arbeitsplätze, die sie natürlich nicht aufgeben können, weil sonst das Geld in der Familie wieder fehlen würde, abgesehen von der allgemeinen Situation auf dem Arbeitsmarkt. Auch Männer können Elternzeit nehmen, jedoch ist dies in vielen Berufen gar nicht realisierbar oder unerwünscht. Die Frauen werden auch nicht entlastet, wenn die Väter von der Arbeit nach Hause kommen, da Ihnen die Berufstätigkeit oftmals sehr viel abverlangt.

Die Mütter werden also auf die Rolle der Hausfrau und Mutter eingeengt und ihr Lebensinhalt dreht sich bald ausschließlich nur noch um das Kind. Sie identifiziert sich über das Kind und kann nicht ertragen, wenn sich das Kind aus der Abhängigkeit lösen und eigene Wege gehen will. Hier könnte es dann am ehesten zum Missbrauch des Kindes kommen, mit dem die Mutter Loyalität und Abhängigkeit von ihrem Kind einfordert. vgl. ebenda, 250

Eine Überforderung kann aber auch bei einem gesunden Verhältnis der Mutter zur täglichen Erziehungsarbeit des Kindes auftreten. Betreuung, Pflege und Erziehung von Kindern stellt immer eine große Herausforderung dar. Es ist eine ernstzunehmende schwere körperliche sowie auch geistige Tätigkeit. Die Mutter muss immer und zu jeder Tageszeit fit sein, um den Bedürfnissen des Kindes oder der Kinder gerecht zu werden. Dies ist eigentlich oftmals zu viel Arbeit für einen Menschen, aber die Mutter hat aufgrund der Berufstätigkeit des Vaters auch kaum einen Raum für Rückzug und Erholung. Diese eindeutige Überforderung kann aggressive Gefühle und Gedanken hervorrufen. Welche Ursachen sich auch immer hinter weiblicher Gewalt im sozialen Nahraum Familie verbergen, Frauen stehen gerade hier ihren männlichen Pendants in nichts nach.

 

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