Epidemiologisches Bulletin zum Welt-AIDS-Tag 2010

(eingestellt:ohmannohjens)

 

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Epidemiologisches Bulletin 22. November 2010 / Nr. 46 aktuelle daten und informationen zu infektionskrankheiten und public health

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Zum Welt-AIDS-Tag 2010 Aus Anlass des Welt-AIDS-Tages am 1. Dezember wird im Epidemiologischenüber den Verlauf der HIV-Epidemie in Deutschland bis Ende 2010 berichtet.

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Bulletin Die wichtigsten für die Beschreibung der Epidemie herangezogenen Erhebungsinstrumente werden nachfolgend erläutert. Es erfolgt eine Vorstellung der Eckdaten für HIV/AIDS in Deutschland sowie eine damit in Verbindung stehende Erläuterung der Methodik der Schätzwertermittlung. * Zum Verlauf der HIV-Epidemie in Deutschland bis Ende 2010

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Ein wesentliches Ziel der epidemiologischen Überwachung (Surveillance) von Infektionskrankheiten ist das Erkennen von aktuellen Entwicklungen des Infektionsgeschehens. Neben der Bestimmung der Anzahl der HIV-Neuinfektionen pro Zeiteinheit (HIV-Inzidenz) ist die Bestimmung der Zahl der Menschen, die mit einer HIV-Infektion leben, für die Bereitstellung einer ausreichenden medizinischen Versorgung und für die Planung weiterer gesundheitspolitischer Entscheidungen von großer Bedeutung. Die zur Verfügung stehenden Surveillance-Instrumente liefern jeweils nur Daten zu einem begrenzten Ausschnitt der HIV-Epidemie. Daher werden vom RKI regelmäßig Schätzungen zum Verlauf der HIV-Epidemie erstellt, die die verfügbaren Daten und Informationen aus den verschiedenen Quellen berücksichtigen. Insbesondere die HIV-Inzidenz und die HIV-Prävalenz können nicht direkt gemessen, sondern nur mit Hilfe von Modellrechnungen abgeschätzt werden. Die wichtigsten für die Beschreibung der HIV/AIDS-Epidemie herangezogenen Erhebungsinstrumente sollen hier zum besseren Verständnis kurz beschrieben werden.

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Das AIDS-Fallregister
 
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Seit 1982 werden die freiwilligen und anonymen Fallberichte der behandelnden Ärzte über AIDS-Erkrankungsund Todesfälle in der Bundesrepublik Deutschland in einem zentralen Fallregister zusammengetragen und ausgewertet. Das AIDS-Fallregister hat in der Vergangenheit die grundlegenden Daten für die Abschätzung des Ausmaßes der HIV/AIDS-Epidemie geliefert und ist auch heute noch ein unverzichtbares Instrument. Es werden belastbare Angaben zu Alter, Geschlecht, Region des Wohnortes sowie zum möglichen Infektionsrisiko der AIDS-Patienten erhoben. Darüber hinaus werden zuverlässige Informationen über die zur Diagnose AIDS führenden  Erkrankungen, zur medizinischen Betreuung und antiretroviralen Therapie sowie andere für die epidemiologische Bewertung relevante Angaben erhoben. Die  Vollständigkeit der Erfassung der in Deutschland aufgetretenen Fälle im AIDS-Fallregister lag viele Jahre bei über 85 %, ist aber in den letzten Jahren auf etwa 65% gesunken. Grundlage der Meldungen ist die jeweils geltende AIDS-Falldefinition zur epidemiologischen Erfassung. Die europaweit angewendete „AIDS-Falldefinition für die epidemiologische Überwachung“ von 1993 ist deckungsgleich mit dem „Stadium C“ der klinischen CDCStadieneinteilung von 1993. Die freiwilligen und anonymisierten Meldungen an das AIDS-Fallregister erfolgen auf einem speziellen Berichtsbogen, der als vertraulicher Arztbericht gekennzeichnet ist und den standesrechtlichen Regelungen unterliegt. Um bei dem erfahrungsgemäß häufigen Arzt- und Klinikwechsel der Patienten Mehrfachmeldungen ein und desselben Patienten zu erkennen und um die Zuordnung von Todesfallmeldungen zu ermöglichen, wird ein die Anonymität wahrender Personencode, der aus Elementen des Vorund Zunamens generiert wird, verwendet. Diese fallbezogene Verschlüsselung wurde 1985 mit der Arbeitsgemeinschaft der leitenden Medizinalbeamten (AGLMB, heute AOLG) und den Datenschutzbeauftragten der Länder und des Bundes abgestimmt und regelmäßig überwacht.

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Berichtspflicht für positive HIV-Bestätigungsteste
 
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Die erste Fassung der „Verordnung über die Berichtspflicht für positive HIV-Bestätigungsteste (Laborberichtsverordnung, LabVO)“ trat am 1. Oktober 1987 in Kraft. Sie  verpflichtete jeden Arzt, der Bestätigungsteste zum Nachweis von Antikörpern gegen HIV durchführt, die positiven Ergebnisse in Form eines anonymen Berichts an das Robert Koch-Institut (RKI) zu melden. Ziel der Verordnung war es damals, an Hand der zusammengeführten Daten aus all den Laboratorien, die HIV-Bestätigungsteste durchführen, einen Überblick über die Gesamtzahl, die Haupt über tragungs wege und die regionale Verteilung der HIV-Infizierten zu erhalten. Das Problem der Mehrfachtestung und -meldung wurde hierbei jedoch zunächst unterschätzt. Die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten (DVV) hatte – auf freiwilliger Basis – entsprechende Daten schon vor Inkrafttreten dieser Verordnung gesammelt, so dass in begrenztem Umfang auch Informationen über die Jahre vor 1987 verfügbar sind.

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Zwischen 1987 und 1992 bezogen sich die Meldungen nach der Laborberichtsverordnung nicht auf untersuchte Personen, sondern auf untersuchte Blutproben, da die Meldung und Erfassung der Daten völlig anonym und – im Gegensatz zum AIDS-Fallregister – auch ohne jede fallbezogene Verschlüsselung erfolgte. Daher konnten Mehrfachmeldungen nur dann erkannt werden, wenn das berichtende Labor auf dem Berichtsbogen vermerkte, dass die untersuchte Blutprobe von einer bereits als HIV-positiv bekannten Person stammte. Angaben zum Infektionsweg wurden insgesamt nur bei einem Drittel der Meldungen gemacht.

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Ab 1993 konnte die Qualität und Vollständigkeit der Daten kontinuierlich verbessert werden. Ein veränderter Meldebogen und intensivere Nachrecherchen erlaubten eine bessere Differenzierung zwischen gesicherten Erstdiagnosen und Meldungen, bei denen dem Labor keine Informationen über einen eventuell bereits früher durchgeführten positiven HIV-Antikörpertest vorlagen.

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Ab Mitte 1998 wurde in Ergänzung der geltenden Laborberichtsverordnung eine freiwillige Meldung des behandelnden Arztes eingeführt mit dem Ziel, die bisherige Testerfassung in eine fallbezogene Registrierung überzuleiten. Auf diese Weise konnte die tatsächliche Zahl der neudiagnostizierten HIV-Infektionen wesentlich genauer erfasst werden. Darüber hinaus orientierte sich diese Art der Erfassung an dem Ziel, die fallbezogene Erfassung der HIVDaten

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(HIV case reporting system) zur bestehenden AIDS-Fallerfassung zu installieren. Auch im Zusammenhang mit den verbesserten therapeutischen Möglichkeiten und den in der Folge rückläufigen Zahlen der AIDS-Neuerkrankungen hat diese Neuerung bei der Analyse der Daten aus der LabVO zu einer besseren Einschätzung der aktuellen Situation beitragen. Mit dem Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) zum 1. Januar 2001 wurde die für AIDS-Fallberichte lange zuvor etablierte fallbezogene Verschlüsselung auch für die Meldungen von HIV-Infektionen eingeführt und das ab Mitte 1998 eingeführte Verfahren im Gesetz festgeschrieben. Die Meldungen über HIV-Neudiagnosen erlauben keinen direkten Rückschluss auf den Infektionszeitpunkt, da HIV-Infektion und -Test zeitlich weit auseinander liegen können.

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Weitere Faktoren, die die Meldedaten beeinflussen können, sind das Angebot von Testmöglichkeiten, die Inanspruchnahme solcher Testangebote und das Meldeverhalten der Ärzte. Insbesondere Veränderungen dieser Parameter im Zeitverlauf können die Interpretation der Daten erschweren. Andere Datenquellen zur Abschätzung der HIV-Inzidenz sind rar, daher bieten die Meldungen über HIV-Neudiagnosen trotz aller Einschränkungen die derzeit bestmögliche Grundlage zur Abschätzung des aktuellen Infektionsgeschehens. europaweit in Ergänzung

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Weitere Datenquellen

* Weitere Daten, die zur Bewertung des HIV-Geschehens herangezogen werden, stammen aus der HIV-Inzidenzstudie  1,2 , der klinischen Surveillance von HIV (ClinSurv Studie) 3, der HIV-Dokumentation Nordrhein 4, der HIVSerokonverterstudie 5 sowie der Blutspendersurveillance 6,7. Daten zu Wissen, Einstellungen und Verhalten von Risikogruppen stammen aus dem STD-Sentinel 8, Wiederholungsbefragungen von Männern, die Sex mit Männern haben, 9 und aus den Wiederholungsbefragungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 10. Daten zur Anzahl der auf Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) rezeptierten antiretroviralen Medikamente beruhen auf Statistiken der  Apothekenabrechnungszentren (Insight Health, 2010). Mit Hilfe dieser Daten und der aus der ClinSurv-Studie gewonnenen Informationen zur Zusammensetzung von Therapieregimen kann die Anzahl der mit antiretroviralen Medikamenten behandelten HIV-Infizierten geschätzt werden.11 Ergänzende Daten zu HIV/AIDS-Todesfällen werden aus der Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter und vom Statistischen Bundsamt bezogen. Aus der  Todesursachenstatistik können aggregierte Daten mit Angaben zu Todesjahr, Alter, Geschlecht und Bundesland gewonnen werden. Eine Aufschlüsselung der Todesfälle nach  Transmissionsgruppen ist aus der Todesursachenstatistik nicht verfügbar. Bei diesen Daten ist mit einer Untererfassung von Todesfällen bei HIV-Infizierten, bei denen die Todesursache nicht erkennbar oder unabhängig von der HIV-Erkrankung ist, und in geringerem Ausmaß auch bei HIVoder AIDS-bedingten Todesfällen auszugehen.

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Zur Methodik der Schätzwertermittlung

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HIV-Inzidenz Da Infektionszeitpunkt und HIV-Test bzw. das Auftreten von AIDS zeitlich weit auseinander liegen können, erlauben die Meldungen von HIV-Neudiagnosen und AIDSFällen keinen direkten Rückschluss auf den Infektionszeitpunkt. Die Abschätzung der Anzahl der HIV-Infektionen basiert für den Zeitraum 1978 bis 1990 auf einem mathematischen Rückrechnungsmodell, das die Zahl der noch nicht diagnostizierten HIV-Infektionen mit einschließt. Auf Basis der bis 1995 beobachteten AIDS-Fälle (für die von einer Untererfassung von 10 % bis 30% ausgegangen wird) und der aus Kohortenstudien bekannten Verteilung der Zeitspanne zwischen HIV-Infektion und AIDS-Erkrankung (Pro gres sionszeit) bei unbehandelten HIV-Infizierten wird die Zahl und Zeitverteilung der HIV-Infektionen zurückgerechnet. Bei der Rückrechnung 12,13 wird dieses Jahr erstmals eine altersabhängige Progressionszeitverteilung an genommen wie von der Collaborative Group on AIDS Incubation and HIV Survival including the CASCADE EU Concerted Action in Literaturstelle 5 bestimmt. Als Grundlage für die Verteilung der rückgerechneten HIV-Inzidenz zwischen 1978 und 1990 nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe wird die entsprechende Verteilung der AIDSFälle 7 Jahre später herangezogen. Für den Zeitraum nach 1990 ist das Rückrechnungsmodell wegen der nicht abschätzbaren Therapieeffekte nicht mehr anwendbar. Ab 1995 bildet die Zahl der mittels der Laborberichtspflicht bzw. ab 2001 der gemäß § 7(3) Infektionsschutzgesetz gemeldeten HIV-Erstdiagnosen die Basis für die weitere Abschätzung. Basisannahme dafür ist, dass die Zahl der Erstdiagnosen (zeitverzögert) ungefähr die Anzahl der Neuinfektionen reflektiert. Eine Rückrechnung der gemeldeten HIV-Diagnosen auf den geschätzten Zeitpunkt der HIV-Infektionen ist momentan noch nicht möglich, da hier das gruppenspezifische Testverhalten eine wichtige Rolle spielt. Für die Jahre 1991 bis 1994 wird die Zahl der HIV-In fektionen linear interpoliert. Auf Grund dieses Inter polationsverfahrens, welches notwendig wird, weil die Rückrechnung vom Diagnose- auf den Infektionszeitpunkt noch nicht möglich ist, kann es sich bei dem in den Abbildungen 1 (s. S. 453) und 2 erkennbaren Anstieg der Inzidenz zwischen 1990 und 1995 sowohl um einen tatsächlichen Effekt als auch um ein Artefakt aufgrund der Verzögerung zwischen HIVInfektion und -Diagnose handeln. Die Abschätzung der HIV-Inzidenz für den Zeitraum von 1995 bis 2010 erfolgt getrennt nach Bundesland, Geschlecht und Transmissionsgruppe auf Basis der HIV-Meldungen. Die Hauptunsicherheit der Schätzung liegt momentan in der Einordnung der Meldungen als Erst- oder Mehrfachmeldung; auch der Ende 1998 eingeführte vierstellige Code erlaubt in vielen Fällen hier keine eindeutige Klärung. Im Wesentlichen werden die vom meldenden Arzt als „gesicherte HIV-Erstdiagnosen“ eingeschätzten Mel dungen tatsächlich als Erstdiagnosen gewertet; Meldungen, auf denen angegeben ist, dass es sich um eine Mehrfachmeldung handelt, werden als solche behandelt. Meldungen mit unklarem Status (Erst- oder Mehrfachmeldung) werden zum Teil (20 % – 70 %) als Erstmeldungen gewertet. Diese und andere Unsicherheiten werden im Vertrauensbereich der Schätzung wiedergegeben. Für die Abschätzung der HIV-Inzidenz in Deutschland werden die HIV-Erstdiagnosen von Personen mit Herkunft aus Hochprävalenzregionen nicht berücksichtigt, da davon ausgegangen wird, dass die überwiegende Mehrzahl (> 80 %) dieser Infektionen in den Herkunftsregionen stattgefunden hat.

Umgang mit fehlenden Angaben bei HIV-Meldungen Innerhalb der Bundesländer werden getrennt nach  Diagnosejahren folgende Annahmen getroffen: Die Geschlechterverteilung von Erstmeldungen ohne Angabe hierzu wird

– innerhalb der Transmissiongruppen (inklusive „Unbekannt“) – entsprechend der Geschlechterverteilung aller Erstmeldungen derselben Transmissionsgruppe angenommen; analog wird für Meldungen mit unklarem Status verfahren. Meldungen ohne Angabe der Transmissionsgruppe werden entsprechend der Verteilung der Transmissionsgruppen bei den Erstmeldungen desselben Geschlechts auf die  Transmissionsgruppen aufgeteilt. * HIV-Prävalenz Zur Schätzung der HIV-Prävalenz wird der geschätzte Verlauf der HIV-Inzidenz seit Beginn der Epidemie verwendet. Von der kumulierten HIV-Inzidenz wird die Gesamtzahl der zum jeweiligen Zeitpunkt Verstorbenen abgezogen. Für die Abschätzung der Gesamtzahl der in Deutschland lebenden HIV-Infizierten wird angenommen, dass ein Teil der in Deutschland mit HIV diagnostizierten Menschen aus Hochprävalenzregionen Deutschland wieder verlässt (etwa 30 % innerhalb von 10 Jahren nach HIV-Diagnose). * HIV/AIDS-Todesfälle Die Schätzung der Zahl der Todesfälle bei HIV-Infizierten beinhaltet auch die Todesfälle bei HIV-Infizierten, die nicht direkt durch die HIV-Infektion verursacht sind. Basis für die Schätzwertermittlung ist die Todesursachenstatistik der Statistischen Landesämter (StaLA). Um der bekannten Unter erfassung von HIV-Todesfällen bei den StaLA Rechnung zu tragen, werden diese Ausgangswerte um 20 % bis 35 % nach oben korrigiert. Die Verteilung der Todesfälle nach Transmissionsgruppe wird entsprechend der Verteilung der AIDS-Fälle 2 Jahre vorher angenommen. * AIDS-Fälle (AIDS-Inzidenz) Basis für die Schätzwertermittlung der neu aufgetretenen AIDS-Fälle sind Bundesländer mit einer hohen Vollständigkeit der AIDS-Fallmeldungen. Die Schätzwerte für die übrigen Bundesländer (mit niedrigem Erfassungsgrad) werden proportional zu ihrem Anteil an den bundesweiten HIV/AIDS-Todesfällen im Verhältnis zu den Ländern mit hoher Vollständigkeit der AIDS-Fall-Erfassung kalkuliert. * Ergebnisgenauigkeit Für die wichtigsten Parameter wird neben der Punktschätzung ein oberer und unterer Vertrauensbereich angegeben. Da es sich um gerundete Ergebnisse handelt, können die Summen der Einzelwerte von den dargestellten Gruppensummen geringfügig abweichen.

Die Eckdaten zur Abschätzung der Zahl der HIV-Neuinfektionen, AIDS-Erkrankungen und Todesfälle bei HIVInfizierten sowie der Zahl der in Deutschland lebenden Menschen mit HIV werden durch das RKI in jedem Jahr auf der Grundlage aller zur Verfügung stehenden Daten und Informationen neu zusammengestellt und stellen keine automatische Fortschreibung früher publizierter Daten dar. Durch zusätzliche Daten und Informationen sowie durch Anpassung der Methodik können sich die Ergebnisse der Berechnungen von Jahr zu Jahr verändern und liefern jedes Jahr eine aktualisierte Einschätzung des gesamten bisherigen Verlaufs der HIV-Epidemie. Die jeweils angegebenen  Zahlenwerte können daher nicht direkt mit früher publizierten Schätzungen verglichen werden. Insbesondere können Veränderungen in den Eckdaten von einem Jahr zum anderen nicht als Zu- oder Abnahmen  interpretiert werden.
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Bisheriger Verlauf der Epidemie, aktuelle Eckdaten und Trends

HIV begann sich in Deutschland vermutlich bereits Ende der 70er Jahre auszubreiten. In Personengruppen mit einem hohen Infektionsrisiko kam es bereits vor der Verfügbarkeit von ersten HIV-Testmöglichkeiten (1985) zu einem raschen Anstieg der Zahl der HIV-Infektionen (s. Abb. 2). Die ersten betroffenen Gruppen waren Hämophile, die durch  Gerinnungsfaktorenkonzentrate infiziert wurden, homosexuelle Männer und intravenöse Drogenkonsumenten. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre konnte durch Maßnahmen zur Sicherung von Blut und Blutprodukten, Verhaltensänderungen, Präventionskampagnen und durch Sättigungseffekte in Teilgruppen mit einem besonders hohen Infektions risiko ein Rückgang der HIV-Neuinfektionen in den primär betroffenen Gruppen erreicht werden. Jedoch nahm die Zahl der  sekundären Übertragungen auf he terosexuelle Sexualpartner der primär betroffenen Gruppen zu.

Während der 90er Jahre stieg der Anteil der Menschen, die sich über heterosexuelle Kontakte infizierten, weiter an, der Anteil der intravenösen Drogenkonsumenten (IVD) und der Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten (MSM) ging zurück. Die Zahl der Personen aus Hochprävalenzländern (HPL), bei denen in Deutschland eine HIVDiagnose erfolgte, stieg ebenfalls an. Im Verlauf der 90er Jahre schwankte die Zahl der HIV-Neuinfektionen pro Jahr um einen Wert von etwa 2.500 (in Deutschland oder von Deutschen im Ausland erworbene Infektionen), wobei gegen Ende der 90er Jahre (1997 – 2000) die Zahl der HIVNeudiagnosen einen rückläufigen Trend zeigte (s. Abb. 2, S. 456).
 

Zu Beginn des neuen Jahrtausends begann die Zahl der HIV-Neuinfektionen wieder zu steigen, vor allem bei MSM. Dagegen gehen die Zahlen von Neudiagnosen bei intravenösen Drogenkonsumenten und bei Personen aus Hochprävalenzländern seit 2005 zurück. Die Entwicklung bei Personen aus HPL ist wahrscheinlich im Wesentlichen ein Resultat veränderter EU-Migrationspolitik, die die Zahl der Immigranten vor allem aus Subsahara-Afrika, die nach Deutschland gelangen, reduziert. Der Anstieg der Neudiagnosen bei MSM verlangsamte sich seit 2005, und seit 2007 scheint  sich die Gesamtzahl der HIV-Neudiagnosen in Deutschland auf einem Niveau von derzeit ca. 3.000 HIVNeudiagnosen pro Jahr zu stabilisieren (s. Abb. 2, S. 456)

 
 
Erste AIDS-Fälle wurden in Deutschland Anfang der 80er Jahre berichtet. In den folgenden Jahren stieg die Zahl der jährlich neu diagnostizierten Patienten mit AIDS-Manifestationen rasch an und erreichte mit etwa 2.100 neu dia gnostizierten AIDS-Fällen 1994 den höchsten Wert. Seit 1995 geht die Zahl der AIDS-Neumanifestationen (AIDS-Inzidenz) und der AIDS-Todesfälle (AIDS-Mortalität) durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten zurück (s. Abb. 1, S. 453).

Da zusätzlich die Zahl der HIV-Neuinfektionen ab dem Jahr 2000 angestiegen ist, nimmt seit 1995 und verstärkt seit dem Jahr 2001 die Zahl der lebenden HIV-Infizierten in Deutschland zu. Nach den aktuellen Schätzungen beträgt die Zahl der Menschen, die Ende 2010 in Deutschland mit HIV/AIDS leben, etwa 70.000 (Ver trau ens bereich 60.000 bis 83.000). Da auf Grund der hohen Wirksamkeit der antiretroviralen Therapie immer weniger Menschen an AIDS sterben, sich aber eine deutlich größere Zahl von Menschen neu infizieren, wird in den kommenden Jahren die Zahl der mit einer HIV-Infektion lebenden Menschen in Deutschland kontinuierlich ansteigen – mit den entsprechenden Konsequenzen für die medizinische Versorgung und die Therapiekosten (s. Abb. 3). Die Schätzung von 70.000 (Vertrauensbereich 60.000 bis 83.000) Menschen, die Ende 2010 in Deutschland mit HIV/AIDS leben, bezieht sowohl Personen ein, bei denen die HIV-Infektion bereits diagnostiziert ist, als auch Personen, die noch keine Kenntnis von ihrer HIV-Infektion haben. Nach den aktuellen Schätzungen haben bereits 54.000 HIV-Infizierte (Vertrauensbereich 50.000 bis 62.000) der Menschen, die mit HIV/AIDS leben, ein positives HIVTestergebnis erhalten. Von diesen bereits diagnostizierten HIV-Infizierten erhalten Ende 2010 ca. 40.000 HIV-Infizierte (Vertrauensbereich 39.000 bis 41.000) eine anti re trovirale Therapie. Die Therapiequote (Anteil der Behandelten unter denjenigen, bei denen die HIV-Infektion bereits diagnostiziert ist) wird auf 75 % geschätzt (Vertrauensbereich 65 % bis 80 %). Der geeignete und empfohlene Zeitpunkt für den Therapiebeginn wird derzeit bei Erreichen bzw. Unterschreiten einer T-Helferzellzahl von 350 Zellen/μl gesehen. Im Laufe der Zeit hat sich die Einschätzung, wann mit einer medikamentösen Therapie begonnen werden sollte, mehrfach geändert. Vor der Entwicklung des Konzeptes der „hochaktiven antiretroviralen Therapie“ (HAART) im Jahre 1996 wurden die damals verfügbaren Medikamente in der Regel erst nach der Manifestation AIDS-definierender Erkrankungen oder nach  Unterschreiten einer T-Helferzellzahl von 200 Zellen/μl eingesetzt. Der Effekt der als Monothera pie oder Zweifachkombination eingesetzten Medikamente war auf Grund der meist rasch erfolgenden Resistenzentwicklung kurzfristig und vorübergehend. Die Entwicklung der HAART im Jahr 1996, mit der erstmals die Virusvermehrung nahezu vollständig blockiert wer den konnte, löste bei den Behandlern Euphorie aus und das Konzept „treat hard and early“ versprach baldige Heilung. Die Kriterien für eine Therapieindikation wurden daraufhin so breit gefasst, dass nahezu alle Personen mit einer HIV-Diagnose behandelt wurden. In den folgenden Jahren bis etwa zum Jahr 2000 zeigte sich, dass die damals notwendigen sehr strikten Einnahmeregeln für die Medikamentenkombinationen viele Patienten überforderten, so dass Therapieregime relativ rasch versagten und sich Resistenzen ausbildeten. Außerdem wurden  zunehmend Langzeitnebenwirkungen der damals bevorzugt eingesetzten Medikamente erkannt und beschrieben, die die Lebensqualität der Behandelten z. T. massiv beeinträchtigten (vor allem die sog. Lipodystrophie), und die Hoffnung auf eine Eradikation des Virus mit dem vorhandenen Therapiearsenal stellte sich als eine Illusion heraus. Daraufhin wurden die Behandlungsempfehlungen radikal geändert und eine  Behandlung wurde erst bei Unterschreiten einer T-Helferzellzahl von 200 bis 250 Zellen/μl begonnen. In den Folgejahren wurden neue Medikamente und Behandlungskonzepte ie das sog. Boosten von Protease-Inhibitoren (Ausnutzen von Wechselwirkungen auf den Abbau von Medikamenten, wodurch Dosierung und Einnahmefrequenz verringert werden können) entwickelt, die die Behandlung einfacher, wirksamer und besser verträglich machten. Pathomechanismen von Medikamentennebenwirkungen wurden erforscht und die Medikamente mit dem höchsten Risiko von Langzeitnebenwirkungen verschwanden aus dem therapeutischen Arsenal (zumindest in den reichen Ländern). Studien zur Feststellung des optimalen Zeitpunktes für einen Therapiebeginn und zur Überprüfung der Wirksamkeit intermittierender Medikamentengabe gelangten zu dem zunächst unerwarteten und überraschenden Ergebnis, dass eine kontinuierliche Therapie nicht schlechter vertragen wurde als eine intermittierende. Ein weiteres Ergebnis war, dass die antiretrovirale Therapie nicht nur das Auftreten AIDS-definierender Erkrankungen dramatisch reduziert, sondern sich auch günstig auf die Entwicklung und den Verlauf anderer Erkrankungen auswirkt, die bis dahin nicht in Verbindung mit der HIV-Erkrankung gebracht worden waren. Dies führte zu einer erneuten erneuten Revision der Therapieleitlinien: Seit 2006/2007 wurde wieder ein früherer Therapiebeginn diskutiert und in den Deutsch-Österreichischen Leitlinien wurde 2008 die Grenze für den Therapiebeginn auf 350 T-Helferzellen/μl angehoben. Es wird diskutiert, ob eine Therapie sogar noch früher, ab 500 T-Helferzellen/μl beginnen sollte – damit wäre dann fast wieder der Stand von 1996 erreicht. Entsprechende Studien laufen derzeit, Ergebnisse sind aber frühestens in  zwei bis drei Jahren zu erwarten

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